Gestern (28.11.2016) sah ich im Fernsehen, dass in Potsdam die Barberine, ein in Aufbau befindliches Kunstmuseum, sich für Besucher geöffnet hat. Es wird Sammlungen der Hasso-Plattner-Förderstiftung ein eigenes Domizil geben und den Rahmen für Wechselausstellungen bieten. Noch sind keine Exponate ausgestellt und so kann man einen unverstellten Blick auf die Architektur erhalten.

Ich entschied nach Rücksprache mit meiner Frau, heute nach Potsdam zu fahren und mir die Barberine anzusehen. Ich bin ja Rentner und habe Zeit.


Bei Wikipedia kann man lesen: "Der Unternehmer und Mäzen Hasso Plattner übernahm im Zuge der Wiederbelebung der Potsdamer Mitte den Wiederaufbau des Palast Barberini, um ein Kunstmuseum für Potsdam zu gründen."  Der erste Spatenstich war im August 2013 erfolgt.

Während ich beim Morgenkaffee im Internet weiter recherchiere, ploppt eine E-Mail auf. Darin wird mir mitgeteilt, dass ich sehr bald den Finanzbedarf für mein "Schlüsselkind"-Projekt für den Rest des Jahres anzeigen müsse.
Ja, ich habe noch einiges mit den 12 - 15jährigen Mädchen und Jungen der verschiedenen Asylbewerberunterkünfte vor. Ich bin ja Rentner und habe Zeit.

Schnell müssen Ideen her. Nicht dass ich keine hätte. Aber es bedarf Vorbereitung und Abstimmung. Warum sollte ich das nicht mit meiner Exkursion nach Potsdam verbinden...

Ich rufe eine Mitarbeiterin einer Unterkunft an und schildere ihr die Idee, etwas in Potsdam vorzubereiten.
"Klingt gut", höre ich und "vielleicht kommst du auf deinem Weg hier vorbei. Da können wir das genauer besprechen."
Natürlich fahre ich vorbei. Ich bin ja Rentner und habe Zeit.

Auf dem Weg dahin entwickelt sich die Idee, möglichst einige meiner "Schlüsselkinder" mitzunehmen. Das habe ich schon während meiner aktiven Tätigkeit als Sozialarbeiter gemacht: Projekte für Piepels funktionieren, wenn junge Leute diese mit vorbereiten.


Wenn Amir (13) mitfährt, dann muss auch Halim (14) mit. Beide kommen aus Syrien. Amir hat kein Gehör aber Halim hat die Gabe, sich mit ihm verständigen zu können.


Wenn ich das Gelände der Unterkunft betrete, kommt immer wieder Amirs Mama auf mich zu, um mir zu danken, dass ich ihren Sohn an allen Aktionen teilnehmen lasse. Jedes Mal wehre ich freundlich ab.

Beim Parken meines Autos vor der Unterkunft habe ich die Idee, Amirs Mama ebenfalls nach Potsdam mitzunehmen.


Ich schildere der Mitarbeiterin meinen Ideenstrauß. Wieder antwortet sie: "Klingt gut!" und "Passt besonders gut".
Sie erzählt mir, dass Amir mit der Mama bald nach Potsdam ziehen wird, weil er dort an einer Gehörlosenschule unterrichtet werden soll.

Ich bin begeistert. Mehr als ein halbes Jahr habe ich bei den Aktionen mit den "Schlüsselkindern" Amirs Entwicklung erlebt. Inzwischen kann er sich verständlich machen, sinnvolle Laute bilden und seinen großartigen Witz zeigen.

 

Die Mitarbeiterin geht zu Amir und seiner Mama. Als sie wieder kommt sagt sie: "Ja, beide kommen mit. Dauert aber noch 20 Minuten."
"Und Halim?" - "Hab ich vergessen. Gehst du selber fragen?"
Klar gehe ich selber. Ich bin ja Rentner und habe Zeit.

Ich klopfe nicht an die Zimmertür. Zuerst gehe ich in den Küchenraum, weil ich hoffe, dort Halim, seinen Bruder oder die Mama zu treffen.


In keinem der Unterkünfte habe ich bisher eine Schwelle zu den Zimmern übertreten - außer in einem Fall - aber das ist eine andere Geschichte. Dieser kleine Raum gehört den Menschen die da wohnen. Mehr haben sie nicht. Da drinnen habe ich nichts zu suchen.

Zum Glück treffe ich auf dem Flur die Mama und frage nach Halim und seinem Bruder. Halim ist da. Er schläft. Es ist halb drei nachmittags. Ich deute an, dass ich ihn  mitnehmen möchte. Sofort geht Mama zum Zimmer und öffnet weit die Tür.
Die Schwelle überschreite ich nicht. Aber ich sehe einen etwa 4 Meter mal 4 Meter großen Raum und dass sich Mama redlich bemüht, Wohnlichkeit zu erzeugen - trotz oder wegen der beiden halbwüchsigen Söhne, mit denen sie hier drinnen lebt.

Ein zerzauster Halim hebt den Kopf vom Kissen. Offensichtlich ist er nach der Schule mit allen Klamotten auf sein Bett gefallen und fest eingeschlafen. Wie ich sein Gesicht sehe tut es mir leid, dass Mama ihn geweckt hat.
Aber Halim lacht mich an und reibt sich die Augen: "Guten Morgen. Wie geht es dir?"


Gern hätte ich ihn wieder schlafen geschickt. Nach meiner kurzen Erwiderung mit "Gut", erzähle ich ihm, dass ich nach Potsdam wolle und Amir auch mitkomme. "Willst du auch mit?"

Halim strubbelt über seine tiefschwarzen Haare: "Ja, aber noch ein bisschen essen. Und wer noch? Walid auch?"
So ist Halim. Natürlich gefällt es ihm, wenn man sich ihm zuwendet, wie es allen halbwüchsigen gefällt. Aber immer denkt Halim auch an Amir, Walid oder die anderen.

Walid (15) kommt aus Afghanistan und wirkt ausgeglichen. Mama, Papa und Geschwister sind da. Ich frage nicht, woraus sich dieses Glück speist. Ich freue mich für ihn, dass das so ist und nehme mit Besorgnis aktuelle Nachrichten zur Kenntnis, wonach zunehmend mehr Afghanen abgeschoben werden - in "sichere Regionen" nach Afghanistan...

Nur vorsichtig nähere ich mich den Kids mit solchen Themen. Ein junger Afghane (14) sagte mir: "Zurück geht nicht. Papa dann sofort tot. Dann wir auch."


Ich kenne Mama, Papa und die Geschwister. Gerade war ein "Interview" mit der Behörde. Der Junge und seine fünfzehnjährige Schwester waren in der Unterkunft geblieben.
Sie wollten nicht an einem Wochenende mit gleichaltrigen Deutschen teilnehmen. Vielleicht hatten sie Angst, dass sie während des Wochenendes von den Eltern getrennt werden könnten...

Amir, Halim, Walid und weitere ausländische Piepels nahmen an dem Wochenende mit fast 100 gleichaltrigen deutschen Mädchen und Jungen teil - und eine Woche später an einem Nachtreffen, weil die "Deutschen" das so wollten.

Nun sitze ich im Büro und stelle fest, dass mein Kleinwagen für vier Personen und mir nicht so optimal für die Potsdamtour geeignet ist.
"Pah, einfache Übung" - jedenfalls in dieser Unterkunft: "Da nimmst du unseren Kleinbus."

Ohne gefragt zu sein, stimmt der zufällig anwesende große Chef des Trägers dieser Unterkunft zu. Ich weiß, dass es hier auch klappt, wenn man ihn fragen würde - in anderen Unterkünften erlebe ich das nicht immer so.

Endlich sind die Jungs und Amirs Mama fertig. Mein Programm habe ich modifiziert. Während des Wartens und dem Gespräch mit der Mitarbeiterin und ihrem großen Chef habe ich die Adresse der Gehörlosenschule in Potsdam im Internet gefunden und in mein Navi eingegeben.

Die Fahrt ist lang aber lustig. Walid und Halim verstehen mich sehr gut. Halim übersetzt für Amirs Mama. Es belustigt mich, dass der ruhige Afghane Walid den Syrer Halim korrigiert und einen riesen Spaß dabei hat.


Es wird schon dunkel, als wir in die Straße zur Gehörlosenschule fahren.
Amirs Mama wird aufmerksam. Sie war auf ihrem Handy "die Strecke mitgefahren" und erkannte nun, dass hier ihre künftige Wohnung sein wird.

Dabei hat sich wohl jemand etwas gedacht. Ich finde es cool. So manches Mal habe ich bei Mitmenschen Mitdenken als verschüttete Eigenschaft erlebt. In diesem Fall eben nicht.
Schule, Straßenbahnstation und Supermarkt sind in der Nähe. Mama scheint zufrieden.

Ich erinnere mein Ziel: es geht um die Vorbereitung einer Potsdam-Tour mit den "Schlüsselkindern". Wir fahren die "Breite Straße" entlang. Trotz der Dämmerung erkennen die Jungs am Ende der Straße eine Moschee. Halim fragt: "Warum ist das da oben so komisch?"
Er meint den Halbmond, der auf dem Rücken zu liegen scheint und in der Mitte auch noch ein Strahl zu sehen ist.
Ich verwerfe, das mit "Blitzableiter" zu erklären und doziere stattdessen, dass das keine Moschee, sondern ein Pumpwerk, eine Fabrik, eben Technik sei. Tausend Fragen.
Ich stoße an die Grenzen meiner Erklärungskraft und rette mich mit der Frage: "Wollen wir uns das bei unserer Tour genauer anschauen?" - Einhelliges JA.

Wir fahren am Olympia-Stützpunkt vorbei - ach ja: Olympiaübertragungen demnächst nur noch im Privatfernsehen. Darüber rede ich mit meinen Mitfahrern nicht. Beim Vorbeifahren am Kaiserbahnhof rede ich über Friedrich den zweiten und ihm folgende Könige und Kaiser.


Wir dürfen am Eingang zum Neuen Palais eigentlich nicht parken aber es ist schon dunkel.

Die Kids und Mama finden es schön vor dem Neuen Palais - Ich nenne es "das große Schloss".
Wir machen verrückte Fotos. "Wollen wir da mal rein?" - "Jaaaa!" - ich bin zufrieden: ein Programm nimmt Gestalt an.

Während wir in den Kleinbus steigen, versuche ich zu erklären, dass ich vor langer Zeit in der angrenzenden Studieneinrichtung studiert hatte. Das mach wenig Eindruck. Mama fragt: "Ist das hier Zentrum Potsdam?"
Ich verstehe. Meine Eitelkeit kann mit praktischen Dingen nicht mithalten. Wir müssen zum "Broadway", so nennen manche heute noch die "Brandenburger Straße" - zwischenzeitlich hieß sie einmal Klement Gottwald...

Vorbei an der Orangerie, den Neuen Kammern, der Historischen Mühle, dem Schloss Sanssouci - ich nenne es das "kleine Schloss". Eigentlich will ich zu jedem Ort  etwas sagen.
Aber besser ist es jetzt, Spaß zu machen. Halim muss pullern.
Es geht gerade noch zu klären, dass sie überall rein wollen. Halim hat ein verkniffenes Gesicht, weil er sieht, dass er hier keine Toilette gibt und man auch am Obelisk nicht anhalten kann.

Bassinplatz. Es ist etwa 17:30 Uhr und die öffentliche Toilette dort ist zu. Die Witze der Jungs in Bezug auf Halims Problem sind so, wie ich sie auch von deutschen Piepels kenne. Selbst Amir haut da richtig rein.


Mir tut Halim leid. Er behauptet, dass alles nicht so schlimm sei. Ich empfehle ihm, hinter einem Busch zu gehen - er schaut mich erschrocken an: "Das geht doch nicht."
"Aber es ist doch dunkel. Niemand sieht etwas." - "Aber das macht man doch nicht." Amirs Mama spricht auch mit ihm.


Ich verstehe nichts, weiß aber eins: wenn ich alter Mann pieseln muss, dann muss ich. So muss es dem Jungen jetzt auch gehen.
Wir gehen einige Meter weiter. Dann schicke ich Halim zurück zum Busch, und er flitzt.

Fröhlich erreichen wir den "Broadway". Weihnachtsmarktbuden. Meine vier Mitfahrer gehen zunächst vor mir. Ich stelle fest, dass ich übervorsichtig bin - nicht wegen "meiner" Leute. Aber es gibt sogar Menschen, die anbieten, uns gemeinsam zu fotografieren. Wir gehen zusammen.

Amirs Mama zeigt mir an, dass sie genug gesehen hat. Sie scheint zufrieden zu sein.
Es geht zurück zum Kleinbus. Halim zwinkert mich an: "Ich könnte noch weiter laufen."

Im Bus gibt es das, was es immer mit Leuten gibt, wenn sie ihre Handys dabei haben. Mama schreibt mit jemanden, Amir spielt, Walid hört Musik und singt sogar leise mit.
Als Halim sein Handy zückt sage ich "NEIN". Er ist der Beifahrer und muss den Fahrer "unterhalten". Obwohl es im Bus dunkel ist, kann ich aus den Augenwinkeln sein Grinsen erkennen. Er steckt das Handy weg.

Wir reden belangloses, spaßiges und ich kann den Pädagogen nicht lassen. Immer wieder versuche ich ihm etwas zu erklären. Und Halim nimmt alles auf. Er lernt. Das macht müde. Er gähnt und erklärt mir: "Morgens um 6 Uhr aufstehen. Dann Schule und lernen. Deshalb schlafe ich nach Schule."

Es kommt noch einiges hinzu. Bei einem meiner Besuche in der Unterkunft haben mich seine Mama, ein Onkel und der ältere Bruder zum Tee und Gebäck eingeladen und mir Papiere deutscher Behörden vorgelegt, deren Inhalte ich erst nach dem vierten Lesen verstanden hatte.
Halim, der in der Familie am besten Deutsch versteht und spricht, musste vermitteln, was ich auf Deutsch zu den Papieren sagen konnte. Seine Rückfragen und Übersetzungen der Reaktionen der Familienmitglieder zeigten mir, zu welchen sprachlichen, logischen, kognitiven Leistungen dieser vierzehnjährige Junge in der Lage ist.
Und so geht es gerade vielen ausländischen Kindern hier.

Wir müssen einen Stau am Schönefelder Kreuz umfahren. Ich bin ja Rentner und habe Zeit.

Halim fragt nach Autos. Alle Typen werden durchgehechelt. Sein Papa hatte einmal einen Mercedes - "einen alten", wie er betont. Aber das war vor seiner Geburt.
Später, Papa hatte dann einen Mitsubishi, saß er als sechsjähriger auf Papas Schoß und hatte das Lenkrad gedreht.
Ich höre schweigend zu - den Papa gibt es nicht mehr.

Da taucht Halim doch ins Handy ab und mir ist es recht. Ich brauche auf seine Geschichte nicht reagieren.

Unmittelbar vor der Autobahnabfahrt hält er mir sein Handy hin und sagt: "Mein Haus."

Aber ich kann nur kurz von der Straße wegschauen und auf dem Handy nichts richtiges erkennen. Ich bitte ihn, mir das nach der Ankunft noch einmal zu zeigen. Er sagt "Okay" und steckt das Handy weg.

In der Unterkunft angekommen, bedankt sich Amirs Mama wieder überschwänglich. Wie immer wehre ich freundlich ab und sie geht in ihr Zimmer.

Die drei Jungen bleiben noch. Sie wissen, dass ich mich mit ihnen im Büro oder beim Wachschutz ab- aber auch wieder anmelde. Das gehört für mich dazu. In anderen Unterkünften habe ich erlebt, dass manch ehrenamtlicher Helfer darauf verzichtet. Das geht nicht. Was ist wenn jemand ein Kind in sein Auto setzt und nicht zurückbringt? Ich mag mir das nicht vorstellen.


Der Wachschutzmann bedankt sich für die Rückmeldung und scherzt mit den Jungs - auch mit Amir.

Ich verabschiede ich mich von ihnen im Flur - draußen ist es kalt.

Halim woll mir noch etwas zeigen, er sucht auf Handy etwas. Mit großen Augen hält er mir sein Handy entgegen: "Mein Haus."
Ich sehe ein Luftbild, erkenne aber wenig. Blöd wie ich bin, bitte ich ihn, mir genaueres zu zeigen und zu beschreiben.
Halim zeigt auf ein Areal eines Satellitenbildes: "Das das mein Haus. Bum und alles weg. Daneben das ist Haus von Onkel. Auch bum und weg."


Ich sehe nur noch verschwommen, dass es sich um Fundamentreste von Häusern handelt.

Ohne Halim anzuschauen gebe ich das Handy zurück. Ich bin steif. Der Junge umarmt mich.

Draußen ist es kalt.

Die Barberine habe ich nicht gesehen. Ich bin ja Rentner und habe noch Zeit dafür.

- alle Namen sind geändert -

© Günter David, 29.11.2016

Barberine muss warten

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Diese Bilder hat Halim während der Hinfahrt nach Potsdam aufgenommen.

Haben sie Bezug zu dem was unten steht?

Heute (16.12.2016) fand ich im Internet ein Bild vom 09. März 2013. Es zeigt Halim in den Trümmern seines Hauses  - er hat mir die Veröffentlichung erlaubt...